NGC 6888, auch bekannt als Mondsichelnebel oder Crescent Nebula, ist ein Emissionsnebel im Sternbild Schwan. Entdeckt wurde er am 15. September 1792 vom deutsch-britischen Astronomen Wilhelm Herschel. Der Nebel ist rund 5000 Lichtjahre von uns entfernt und besitzt einen Durchmesser von ungefähr 25 Lichtjahren.

Hier ist meine Aufnahme von NGC 6888 zu sehen, kombiniert mit dem Spektrum seines Zentralsterns WR 136, das ich mit dem Star Analyser 100 aufgenommen habe. 

Schon auf den ersten Blick zeigt NGC 6888 seine typische, gehirnförmige Gestalt (Spitzname: Brain Nebula). Diese Form ist aber keine ruhige, gleichmäßige Gaswolke, sondern das Ergebnis eines sehr dynamischen Prozesses. Der Nebel entstand durch die extrem starken Sternwinde des zentralen Wolf-Rayet-Sterns WR 136, auch bekannt als HD 192163. Diese schnellen Winde kollidieren mit Material, das der Stern in einer früheren Entwicklungsphase als Riesenstern bereits abgestoßen hat. Dadurch wird das Gas verdichtet, ionisiert und zum Leuchten gebracht.

WR 136 ist damit der eigentliche Motor dieses Nebels. Der Stern erscheint im Bild nur als Punkt im Zentrum der Gasblase, ist physikalisch aber ein extremes Objekt. Es handelt sich um einen heißen Wolf-Rayet-Stern vom Typ WN6(h), dessen Temperatur bei etwa 70.000 Kelvin liegt. Solche Sterne befinden sich in einer sehr fortgeschrittenen Entwicklungsphase und verlieren enorme Mengen an Materie durch schnelle, dichte Sternwinde. Da NGC 6888 rund 5000 Lichtjahre entfernt ist, sehen wir den Stern und den Nebel natürlich nicht in ihrem heutigen Zustand, sondern so, wie sie vor etwa 5000 Jahren waren, als dieses Licht seine Reise zu uns begann.

Besonders spannend ist bei dieser Aufnahme die Kombination aus Bild und Spektrum. Das Bild zeigt die äußere Wirkung des Sterns: die vom Sternwind geformte Gasblase. Das Spektrum zeigt dagegen die physikalische Natur des Zentralsterns selbst. Bei normalen Sternen sieht man im Spektrum oft vor allem Absorptionslinien. Bei Wolf-Rayet-Sternen dominieren dagegen breite Emissionslinien. Diese Linien entstehen nicht nur an einer sichtbaren Sternoberfläche, sondern vor allem im dichten, schnellen Sternwind, der Materie mit hoher Geschwindigkeit in den Raum hinausträgt.

Im Spektrum von WR 136 fallen besonders starke Linien von Helium und Stickstoff auf. Typisch sind unter anderem He II bei 4686 Å sowie Emissionen von ionisiertem Stickstoff, etwa N III, N IV und N V. Genau diese Stickstofflinien sind kennzeichnend für WN-Sterne. Das „N“ in WN steht für nitrogen, also Stickstoff. Die chemische Signatur zeigt, dass hier Material sichtbar wird, das bereits durch Kernfusionsprozesse im Inneren des Sterns verändert wurde und nun durch den starken Massenverlust nach außen gelangt ist.

Auch der Nebel selbst verrät im Licht bestimmter Emissionslinien viel über seine Zusammensetzung und seinen physikalischen Zustand. Besonders auffällig sind Hα bei 6563 Å und [O III] bei 5007 Å. Hα stammt von Wasserstoff und prägt vor allem die roten Anteile des Nebels. [O III] entsteht durch zweifach ionisierten Sauerstoff und ist für die türkis-bläulichen Bereiche verantwortlich. Diese Farben sind also nicht nur ästhetische Bildbearbeitung, sondern zeigen reale Prozesse im Gas: Atome und Ionen werden durch energiereiche Strahlung und Stoßfronten angeregt und senden Licht bei ganz bestimmten Wellenlängen aus.

Die zerfaserte Struktur des Mondsichelnebels zeigt, wie ungleichmäßig diese Wechselwirkung abläuft. Hellere Bögen und Filamente markieren dichtere Gasbereiche oder Regionen, in denen der schnelle Sternwind besonders effektiv auf das ältere, langsamere Material trifft. Der Nebel ist damit keine einfache Kugelschale, sondern eine komplexe Stoßfront um einen massereichen, entwickelten Stern.

NGC 6888 ist damit mehr als nur ein schöner Nebel im Schwan. Er zeigt eine kurze, heftige Phase im Leben eines massereichen Sterns. WR 136 hat seine äußeren Hüllen bereits stark verändert oder teilweise abgestoßen und wird seine Entwicklung vermutlich nicht ruhig beenden. Solche Sterne gelten als mögliche Vorläufer späterer Supernovae. Ob und wann WR 136 tatsächlich explodieren wird, lässt sich nicht exakt sagen, aber astronomisch gesehen befindet er sich in einer sehr späten und instabilen Phase.

Für mich macht gerade die Verbindung aus Astrofotografie und Spektroskopie dieses Objekt so interessant. Das Bild zeigt die Spuren, die WR 136 in seiner Umgebung hinterlassen hat. Das Spektrum zeigt, welche Art von Stern diese Strukturen verursacht. Man betrachtet also nicht nur eine schöne Gasblase im Sternbild Schwan, sondern kann direkt etwas über Sternentwicklung, Massenverlust, chemische Zusammensetzung und die Dynamik eines Wolf-Rayet-Nebels erkennen.


Das Setup:
Lacerta 80/500 mit 0.79x Reducer auf Juwei-14 Montierung
Asi485MC mit externer Kühlung und SV220 Duo Narrowband Filter
31 Aufnahmen zu je 5min Belichtungszeit wurden zum fertigen Bild verrechnet
Mit Darks und Flats wurde korrigiert
Mit Sharpcap gestacked und mit Affinity Photo und Gimp nachbearbeitet

Das Spektrum wurde mit dem gleichen Teleskop aufgenommen, allerdings kam die Asi678MM mit dem StarAnalyser 100 zum Einsatz und wurde mit RSpec ausgewertet.