Dieses Bild zeigt Barnard’s E, eine markante Dunkelwolke im Sternbild Adler. Sie besteht aus den beiden Barnard-Objekten B142 und B143, die sich vor dem außerordentlich sternreichen Hintergrund der sommerlichen Milchstraße abzeichnen. Ihre charakteristische Form erinnert an ein großes, dunkles „E“ – allerdings nicht, weil dort keine Sterne vorhanden wären, sondern weil interstellarer Staub einen Teil des dahinterliegenden Sternlichts abschwächt.

Gerade dieser Gegensatz macht Barnard’s E zu einem ungewöhnlichen Deep-Sky-Objekt: Während Emissions- und Reflexionsnebel durch ihr eigenes oder reflektiertes Licht auffallen, wird ein Dunkelnebel erst durch das sichtbar, was er verdeckt.

Zwei Dunkelwolken vor der Milchstraße
Barnard’s E setzt sich aus zwei unterschiedlich ausgeprägten Bereichen zusammen. B143 bildet den markanteren, stärker strukturierten Teil, während B142 etwas weniger dunkel erscheint und die charakteristische Form ergänzt.

Die Region liegt nur wenige Grad von Altair entfernt mitten in einem besonders sternreichen Abschnitt der Milchstraße. Genau dieser Hintergrund ist entscheidend: Ohne die unzähligen Sterne dahinter würde sich die Dunkelwolke im sichtbaren Licht kaum vom übrigen Himmel abheben.

Die Entfernung von Barnard’s E wird häufig mit etwa 2.000 Lichtjahren angegeben. Damit liegt die Staubwolke weit vor einem großen Teil des Sternfeldes, das wir in dieser Richtung in der galaktischen Ebene sehen.

Edward Emerson Barnard und die dunklen Stellen der Milchstraße
Der amerikanische Astronom Edward Emerson Barnard beschäftigte sich intensiv mit den dunklen Strukturen der Milchstraße. Auf lang belichteten Fotografien wurde Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer deutlicher, dass viele dieser scheinbar sternlosen Gebiete reale Strukturen am Himmel darstellen. Barnard veröffentlichte 1919 seine Arbeit On the Dark Markings of the Sky, with a Catalogue of 182 such Objects. B142 und B143 wurden Teil dieses Katalogs und tragen bis heute seine Nummerierung.

Die Interpretation solcher Gebiete war damals keineswegs selbstverständlich. Heute wissen wir, dass viele dieser dunklen Flecken keine tatsächlichen Lücken im Sternenfeld sind. Es handelt sich um kalte Wolken aus Gas und interstellarem Staub, die zwischen uns und weiter entfernten Sternen liegen.

Warum ist Barnard’s E dunkel?
Entscheidend für die sichtbare Erscheinung sind winzige Staubteilchen innerhalb der Wolke. Sie absorbieren und streuen einen Teil des einfallenden Sternlichts. Dadurch erreicht uns aus den dichteren Bereichen deutlich weniger sichtbares Licht als aus ihrer Umgebung.

Dieser Vorgang wird als interstellare Extinktion bezeichnet. Dabei werden kürzere Wellenlängen stärker abgeschwächt als längere. Licht eines Hintergrundsterns kann deshalb beim Durchgang durch interstellaren Staub nicht nur schwächer, sondern auch röter erscheinen. Man spricht von interstellarer Rötung. Der Dunkelnebel selbst ist deshalb aber nicht einfach „schwarz“. Seine Erscheinung hängt von der Dichte und räumlichen Verteilung des Staubs ab. Bereiche mit einer größeren Staubsäule schwächen das Hintergrundlicht stärker ab, dünnere Bereiche bleiben durchlässiger.

Keine schwarze Fläche
Genau das lässt sich auch auf dieser Aufnahme gut erkennen.

Barnard’s E erscheint nicht als gleichmäßig schwarze Silhouette. Innerhalb der dunklen Strukturen sind weiterhin Helligkeitsunterschiede und zahlreiche Sterne sichtbar. Einige dieser Sterne können vor der Wolke liegen, andere werden durch weniger dichte Bereiche des Staubs hindurch sichtbar. 

Für mich liegt genau darin der besondere Reiz dieser Aufnahme. Bei der Bearbeitung könnte man den Kontrast leicht so weit erhöhen, dass aus Barnard’s E ein fast schwarzes „E“ wird. Die feineren Abstufungen innerhalb der Wolke würden dabei jedoch verloren gehen. Gerade die nicht vollständig dunklen Bereiche zeigen, was hier tatsächlich zu sehen ist: Materie zwischen uns und der dahinterliegenden Milchstraße.

Kaltes Gas und Staub
Dunkelwolken bestehen nicht nur aus Staub. Der größte Teil ihrer Masse liegt als kaltes Gas vor, vor allem Wasserstoff. In ausreichend abgeschirmten Regionen können sich Moleküle erhalten, weshalb solche Gebiete häufig zu den Molekülwolken gezählt werden. Staub spielt dabei trotz seines vergleichsweise geringen Massenanteils eine entscheidende Rolle für das sichtbare Erscheinungsbild. Er schirmt das Innere der Wolke gegen Strahlung ab und ermöglicht sehr niedrige Temperaturen.

Unter geeigneten Bedingungen können sich innerhalb solcher Wolken dichtere Bereiche bilden. Werden diese gravitativ instabil, können sie kollabieren und schließlich neue Sterne hervorbringen. Nicht jede Dunkelwolke ist deshalb automatisch ein aktives Sternentstehungsgebiet – kalte Molekül- und Staubwolken stellen aber das Ausgangsmaterial dar, aus dem Sterne entstehen können.

Barnard’s E zeigt damit auf den ersten Blick etwas scheinbar sehr Einfaches: ein dunkles Muster vor einem Sternfeld. Tatsächlich sehen wir jedoch die Wirkung interstellarer Materie auf das Licht weit entfernter Sterne – und damit einen Bestandteil des galaktischen Mediums, der im sichtbaren Licht gerade dadurch auffällt, dass er Licht verschwinden lässt.

Die Daten:
Seestar S30 Pro im EQ Mode
UV/IR Filter
88 x 60 s Lights
Gestacked mit Siril
Bearbeitet mit Siril und DarkTable