
Der Nordamerikanebel – Ein kosmischer Kontinent
Der Nordamerikanebel NGC 7000 zählt zu den bekanntesten Emissionsnebeln des nördlichen Sternhimmels. Seine markante Form erinnert tatsächlich an den nordamerikanischen Kontinent: Besonders der Bereich um den „Golf von Mexiko“ und die helle Nebelfront der sogenannten Cygnus Wall sind auf lang belichteten Aufnahmen deutlich zu erkennen.
Diese Aufnahme besitzt für mich eine zusätzliche Bedeutung, denn sie ist mein erstes vollständig ausgearbeitetes Deep-Sky-Bild mit dem neuen Seestar S30 Pro. Dabei habe ich mich nicht auf das automatisch erzeugte Ergebnis der Seestar-App beschränkt, sondern die originalen FITS-Einzelaufnahmen selbst ausgewählt, gestackt und anschließend bearbeitet.
Entdeckung und Namensgebung
Entdeckt wurde der Nordamerikanebel am 24. Oktober 1786 von Wilhelm Herschel. Aufgrund seiner enormen Ausdehnung und geringen Flächenhelligkeit war seine charakteristische Form visuell allerdings nur schwer zu erfassen.
Erst die damals noch junge Astrofotografie machte die Gestalt des Nebels deutlich sichtbar. Der deutsche Astronom Max Wolf fotografierte die Region im Jahr 1890 von Heidelberg aus und erkannte auf der lang belichteten Aufnahme die auffällige Ähnlichkeit mit dem nordamerikanischen Kontinent. Dadurch setzte sich schließlich die heute allgemein gebräuchliche Bezeichnung „Nordamerikanebel“ durch.
Im New General Catalogue trägt der Nebel die Bezeichnung NGC 7000, im Caldwell-Katalog wird er als Caldwell 20 geführt. Der gesamte zusammenhängende H-II-Komplex aus Nordamerika- und Pelikannebel trägt außerdem die Bezeichnung Sharpless 2-117 beziehungsweise W80.
Ein gewaltiger Emissionsnebel im Schwan
NGC 7000 befindet sich im Sternbild Schwan in der Nähe des hellen Sterns Deneb. Seine scheinbare Ausdehnung beträgt ungefähr 120 × 100 Bogenminuten. Damit nimmt er am Himmel eine Fläche ein, die wesentlich größer ist als die sichtbare Fläche des Vollmonds.
Seine Entfernung wird heute auf ungefähr 2.600 Lichtjahre geschätzt. Der sichtbare Nordamerikanebel erstreckt sich über rund 90 Lichtjahre, während der gesamte zusammenhängende Gas- und Staubkomplex noch deutlich größer ist.
Trotz seiner beachtlichen integrierten Helligkeit ist NGC 7000 aufgrund seiner geringen Flächenhelligkeit nur schwer visuell zu beobachten. Unter sehr dunklem Himmel und günstigen Bedingungen kann er möglicherweise bereits mit bloßem Auge als schwache Aufhellung wahrgenommen werden. Fotografisch lässt sich der Nebel dagegen schon mit relativ kleinen Optiken eindrucksvoll darstellen.
Warum leuchtet der Nebel?
Beim Nordamerikanebel handelt es sich um eine große H-II-Region. Sie besteht überwiegend aus Wasserstoff, der durch die intensive ultraviolette Strahlung heißer, massereicher Sterne ionisiert wird.
Dabei werden Elektronen aus den Wasserstoffatomen herausgelöst. Wenn sich die Elektronen später wieder mit den Wasserstoffkernen verbinden, wird Energie in Form von Licht abgegeben. Besonders ausgeprägt ist die tiefrote Hα-Strahlung bei einer Wellenlänge von 656,3 Nanometern. Sie ist für die charakteristische rötliche Färbung des Nebels verantwortlich.
Als dominierende Ionisationsquelle gilt der sogenannte Bajamar-Stern, ein extrem heißes O-Sternsystem, das aus unserer Blickrichtung stark durch dichte Staubwolken abgeschwächt wird. Seine energiereiche Strahlung bringt sowohl den Nordamerikanebel als auch den benachbarten Pelikannebel IC 5070 zum Leuchten.
Beide Nebel sind keine voneinander unabhängigen Gebilde, sondern sichtbare Teile desselben großen Sternentstehungsgebietes. Getrennt erscheinen sie lediglich durch die dunkle Staubwolke L935, die einen Teil des dahinterliegenden Lichts blockiert. Die dunklen Bereiche im Bild sind daher keine leeren Regionen, sondern dichte Ansammlungen aus interstellarem Staub und kaltem molekularem Gas.
Innerhalb dieses Komplexes entstehen bis heute neue Sterne. Besonders im Bereich des „Golfs von Mexiko“ wurden zahlreiche junge stellare Objekte, Materieausflüsse und besonders aktive Sternentstehungsregionen nachgewiesen.
Meine erste Deep-Sky-Aufnahme mit dem Seestar S30 Pro
Diese Aufnahme entstand mit dem Seestar S30 Pro im äquatorialen Modus. Das kleine Smart-Teleskop besitzt lediglich 30 Millimeter Öffnung und 160 Millimeter Brennweite, bietet durch sein großes Bildfeld aber sehr gute Voraussetzungen für ausgedehnte Objekte wie NGC 7000.
Während der Aufnahme war der integrierte LP-Filter aktiviert. Dabei handelt es sich um einen Dualbandfilter, der vor allem die Emissionsbereiche von Hα und O III passieren lässt und gleichzeitig einen großen Teil der künstlichen Lichtverschmutzung unterdrückt.
Verwendet wurden Einzelbelichtungen mit 30 Sekunden sowie ausgewählte brauchbare Aufnahmen mit 60 Sekunden Belichtungszeit. Die Originaldaten wurden anschließend außerhalb der Seestar-App geprüft, registriert, gestackt und vollständig selbst bearbeitet.
Ein erstaunlicher Einstand
Für ein vollständig integriertes Smart-Teleskop mit nur 30 Millimetern Öffnung hat mich das Ergebnis ausgesprochen positiv überrascht. Neben den hellen Bereichen des Nordamerikanebels wurden auch weitläufige schwache Wasserstoffstrukturen und zahlreiche Dunkelwolken sichtbar.
Die kräftige rosa- bis magentafarbene Darstellung ist eine Folge der Farbwiedergabe des Bayer-Sensors und der anschließenden Farbkalibrierung und Bearbeitung. Der integrierte LP-Filter lässt die Emissionsbereiche von Hα und O III mit Bandbreiten von ungefähr 20 beziehungsweise 30 Nanometern passieren. Damit ist er deutlich breiter als mein 7-Nanometer-Dualbandfilter. Dadurch erreicht zusätzlich mehr Licht aus der Umgebung der Emissionslinien sowie mehr Sternlicht den Sensor, was zu einem anderen Farbeindruck und einer weniger ausgeprägten Trennung der Emissionsbereiche beiträgt.
Das Ergebnis unterscheidet sich dadurch deutlich von meinen enger gefilterten Aufnahmen mit dem Lacerta 80/500 und der gekühlten ASI533MC Pro. Es besitzt aber gerade deshalb einen eigenen Charakter.
Als erste Deep-Sky-Aufnahme mit dem Seestar S30 Pro zeigt mir NGC 7000 sehr eindrucksvoll, welches Potenzial in diesem kompakten Instrument steckt. Das S30 Pro ersetzt mein größeres Astrofotografie-Setup nicht – es eröffnet mir jedoch eine besonders schnelle und portable Möglichkeit, große Himmelsregionen aufzunehmen und die gewonnenen FITS-Daten anschließend vollständig selbst zu bearbeiten.
Die Daten:
Seestar S30 Pro im EQ Mode
LP Filter
153 x 30s und 38 x 60 s Lights
Gestacked mit Sharpcap
Bearbeitet mit Siril und DarkTable