Das Sternbild Lyra, die Leier, gehört zu den kleineren, aber auffälligsten Sternbildern des nördlichen Sommerhimmels. Obwohl es flächenmäßig nicht besonders groß ist, enthält es einige der bekanntesten und interessantesten Objekte des Himmels: den hellen Stern Vega, mehrere sehenswerte Doppelsterne, den berühmten Ringnebel M57 und mit NGC 6791 sogar einen außergewöhnlich alten offenen Sternhaufen.

Auf meinem Übersichtsbild ist die Leier gut als kleines, kompaktes Sternbild zu erkennen. Die Linienfigur spannt sich von Vega über Zeta Lyrae, Delta Lyrae, Sheliak und Sulafat auf. Zusätzlich sind einige Detailaufnahmen eingebunden: Zeta Lyrae, Delta Lyrae, Sheliak sowie der Ringnebel M57. Dadurch zeigt das Bild nicht nur die Lage der wichtigsten Sterne, sondern auch, wie unterschiedlich die Objekte in diesem kleinen Sternbild tatsächlich sind.

Ein altes Sternbild mit mythologischem Ursprung
Die Leier gehört zu den klassischen Sternbildern der Antike. In der griechischen Mythologie ist sie eng mit der Geschichte von Orpheus verbunden, dem sagenhaften Sänger und Musiker. Seine Musik soll Menschen, Tiere und sogar die Götter der Unterwelt bewegt haben. Nach seinem Tod wurde seine Leier an den Himmel versetzt.

Astronomisch ist diese mythologische Figur heute natürlich nicht mehr die eigentliche Definition des Sternbilds. Moderne Sternbilder sind von der Internationalen Astronomischen Union als exakte Himmelsareale festgelegt. Trotzdem ist die historische Bedeutung erhalten geblieben: Wenn wir heute von Lyra sprechen, meinen wir zwar ein exakt abgegrenztes Gebiet am Himmel, aber der Name erinnert noch immer an die antike Vorstellung einer himmlischen Leier.

Vega – der helle Ankerpunkt der Leier
Der auffälligste Stern der Leier ist Vega, Alpha Lyrae. Sie ist einer der hellsten Sterne des gesamten Nachthimmels und bildet zusammen mit Deneb im Schwan und Altair im Adler das bekannte Sommerdreieck. Für Beobachter auf der Nordhalbkugel ist Vega einer der markantesten Orientierungspunkte der Sommer- und Herbstnächte.

Vega ist ein bläulich-weißer Stern und gehört spektral zu den A-Sternen. Durch ihre große Helligkeit und ihre relativ geringe Entfernung spielt sie auch historisch eine besondere Rolle in der Photometrie: Vega wurde lange als wichtiger Bezugspunkt für Helligkeitsmessungen verwendet. Auf dem Übersichtsbild steht sie am oberen Rand der Leier und dominiert die Region deutlich.

Epsilon Lyrae – das „Double Double“
Nahe bei Vega liegt Epsilon Lyrae, besser bekannt als das Double Double. Schon in kleinen Ferngläsern oder bei niedriger Vergrößerung kann man erkennen, dass es sich hier um ein Doppelsternpaar handelt. Bei höherer Vergrößerung zeigt sich dann, dass beide Komponenten selbst wieder Doppelsterne sind. Aus einem scheinbaren Doppelstern wird also ein vierfaches System.

Epsilon Lyrae ist damit ein klassisches Testobjekt für Teleskope, Seeing und Beobachtungsbedingungen. Wenn die Luft ruhig ist und die Optik gut arbeitet, lassen sich die beiden engen Paare sauber trennen. Gerade deshalb ist dieses Objekt bei visuellen Beobachtern sehr beliebt.

Zeta Lyrae – ein reizvoller Doppelstern nahe Vega
Ebenfalls nahe bei Vega liegt Zeta Lyrae. Auch dieser Stern ist als Doppelstern interessant. Auf dem Übersichtsbild ist Zeta Lyrae mit einer Detailaufnahme hervorgehoben. Solche Doppelsterne sind besonders schöne Objekte für kleinere und mittlere Teleskope, weil sie schon bei moderater Vergrößerung einen Eindruck davon vermitteln, dass viele Sterne am Himmel keine Einzelsterne sind.

Zeta Lyrae eignet sich gut als Einstieg in die Doppelsternbeobachtung innerhalb der Leier: leicht auffindbar, hell genug für kleine Instrumente und nahe bei Vega gelegen. Damit ist er auch ein guter Ausgangspunkt, um sich anschließend zu den weiteren Objekten des Sternbilds vorzutasten.

Delta Lyrae – Farbkontrast und Spektroskopie
Ein besonders reizvolles Objekt ist Delta Lyrae. Im Bild fällt die Region durch den deutlichen Farbkontrast auf: eine bläulichere und eine orange-rötliche Komponente stehen scheinbar nahe beieinander. Gerade dieser Farbunterschied macht Delta Lyrae fotografisch und visuell interessant.

Astrophysikalisch ist Delta Lyrae spannend, weil die Sterne sehr unterschiedliche Spektraltypen besitzen. Der Farbkontrast ist also nicht nur ein ästhetischer Effekt, sondern Ausdruck unterschiedlicher Oberflächentemperaturen und Entwicklungszustände. Genau hier wird die Spektroskopie besonders anschaulich: Während ein heißer blauer Stern ein anderes Spektrum zeigt als ein kühler roter Riese oder Überriese, lässt sich diese physikalische Verschiedenheit direkt im Licht der Sterne nachweisen.

Zu Delta Lyrae gibt es auf dieser Seite bereits einen eigenen Beitrag mit Spektren. Dort wird genauer gezeigt, wie sich die unterschiedlichen Sternfarben im Spektrum widerspiegeln und welche Linien beziehungsweise Molekülbänder bei solchen Sternen sichtbar werden.

Weiterführender Artikel: Vom heißen blauen Stern zum roten Riesen — Die spektrale Geschichte von Delta Lyrae

Sheliak – β Lyrae, ein veränderlicher Stern mit aktivem Innenleben
Ein weiteres Hauptobjekt der Leier ist Sheliak, Beta Lyrae. Im Übersichtsbild steht Sheliak rechts unterhalb von Zeta Lyrae und oberhalb von Sulafat. Visuell erscheint Sheliak als heller Stern, doch physikalisch ist er deutlich komplexer.

Sheliak ist ein berühmter veränderlicher Stern und der Prototyp der sogenannten β-Lyrae-Sterne. Die A-Komponente ist ein enges, wechselwirkendes Doppelsternsystem. Die beiden Sterne stehen so nahe beieinander, dass sie sich gegenseitig stark beeinflussen. Es kommt zu Bedeckungen, Verformungen und Massentransfer. Dadurch ändert sich die Helligkeit regelmäßig.

Auch spektroskopisch ist Sheliak besonders interessant. Im Spektrum zeigen sich nicht nur Absorptionslinien, sondern auch Emissionslinien, vor allem im Bereich von H-alpha und Helium. Diese Emissionen entstehen in heißem, angeregtem Gas innerhalb des wechselwirkenden Systems, etwa in Gasströmen, einer Akkretionsstruktur oder ausgedehnten Bereichen um die Komponenten. Damit ist Sheliak eines jener Objekte, bei denen man mit Amateur-Spektroskopie bereits echte astrophysikalische Prozesse sichtbar machen kann.

Auch zu Sheliak gibt es auf dieser Seite einen eigenen Beitrag mit Spektren. Dort wird genauer auf die A- und B-Komponente, die Veränderlichkeit und die Herkunft der Emissionslinien eingegangen.

Weiterführender Artikel: Sheliak – Beta Lyrae: ein spektroskopisch aktives Sternsystem in der Leier

Sulafat – Gamma Lyrae
Sulafat, Gamma Lyrae, bildet zusammen mit Sheliak die untere Seite der Leier. Zwischen diesen beiden Sternen liegt eines der bekanntesten Deep-Sky-Objekte des gesamten Himmels: der Ringnebel M57.

Sulafat selbst ist ein heller, bläulich erscheinender Stern und hilft hervorragend beim Auffinden von M57. Wer den Ringnebel aufsuchen möchte, orientiert sich meist an der Verbindungslinie zwischen Sheliak und Sulafat. Etwa dazwischen befindet sich M57.

M57 – der Ringnebel
Der berühmteste Nebel in der Leier ist zweifellos M57, der Ringnebel. Er ist ein planetarischer Nebel, also die abgestoßene Hülle eines sterbenden sonnenähnlichen Sterns. Im Zentrum befindet sich ein heißer Weißer Zwerg, dessen intensive Strahlung das ausgestoßene Gas zum Leuchten anregt.

Fotografisch zeigt M57 seine charakteristische Ringform. Im Teleskop erscheint er oft als kleiner, rauchiger Ring oder als leicht ovaler Nebelfleck. Seine eigentliche Physik erschließt sich besonders gut spektroskopisch: Das Licht eines planetarischen Nebels ist nicht kontinuierlich wie bei einem Stern, sondern wird von starken Emissionslinien dominiert. Besonders wichtig sind dabei Linien von Sauerstoff, Wasserstoff und Stickstoff.

Auf dieser Seite gibt es bereits eine eigene spektroskopische Auswertung von M57. Dort wird gezeigt, wie sich der Ringnebel nicht nur als Bild, sondern auch anhand seines Spektrums verstehen lässt. Gerade die Kombination aus Aufnahme und Spektrum macht M57 zu einem hervorragenden Beispiel dafür, wie Astrofotografie und Spektroskopie einander ergänzen.

Weiterführender Artikel: M57 - Spektroskopische Auswertung des Ringnebels

NGC 6791 – ein ungewöhnlich alter offener Sternhaufen
Am Rand des Übersichtsbildes ist außerdem NGC 6791 markiert. Dieser offene Sternhaufen ist deutlich unscheinbarer als M57, astrophysikalisch aber sehr interessant. NGC 6791 gehört zu den älteren bekannten offenen Sternhaufen der Milchstraße und ist ungewöhnlich metallreich. Solche Eigenschaften machen ihn für die Forschung besonders wertvoll, weil er nicht so recht dem einfachen Bild eines jungen, lockeren offenen Sternhaufens entspricht.

Für die visuelle Beobachtung ist NGC 6791 kein spektakuläres Objekt. Er wirkt eher schwach und körnig und verlangt nach dunklem Himmel, ausreichend Öffnung und guter Transparenz. Auf einem Weitfeldbild der Leier ist er aber eine schöne Ergänzung, weil er zeigt, dass dieses Sternbild nicht nur helle Sterne und den Ringnebel enthält, sondern auch Objekte, die tiefere Einblicke in die Entwicklung der Milchstraße ermöglichen.

Ein kleines Sternbild mit erstaunlicher Vielfalt
Die Leier ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Sternbild nicht groß sein muss, um astronomisch reichhaltig zu sein. Innerhalb eines kompakten Himmelsareals findet man sehr unterschiedliche Objektklassen: einen der hellsten Sterne des Himmels, enge und weite Doppelsterne, farblich kontrastreiche Sternpaare, einen berühmten veränderlichen Stern, einen planetarischen Nebel und einen alten offenen Sternhaufen.

Gerade in Verbindung mit eigenen Bildern und Spektren wird die Leier besonders spannend. Das Übersichtsbild zeigt die Orientierung am Himmel, die Detailaufnahmen zeigen ausgewählte Objekte, und die ergänzenden Spektren machen sichtbar, welche physikalischen Prozesse hinter den Farben und Formen stehen.

Damit ist Lyra für mich nicht nur ein schönes Sommersternbild, sondern auch ein idealer roter Faden für verschiedene Beobachtungsarten: visuelle Doppelsternbeobachtung, Astrofotografie, Deep-Sky-Beobachtung und Amateur-Spektroskopie.


Die Daten:
Nikon D5300 mit Tamron 70-200mm Objektiv auf Star Adventurer
100x30s Lights
Mit Darks und Flats korrigiert
Gestacked mit DSS
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