
NGC 6992 – der östliche Schleiernebel
NGC 6992 ist einer der hellsten und filigransten Teile des Schleiernebels im Sternbild Schwan. Gemeinsam mit NGC 6995 und IC 1340 bildet er den östlichen Abschnitt des großen Schleiernebel-Komplexes, der auch als Cygnus Loop bekannt ist. Auf dieser Aufnahme erkennt man sehr schön die bogenförmigen, faserigen Strukturen, die dem Nebel seinen Namen gegeben haben: Wie ein zerrissener Schleier ziehen sich die leuchtenden Gasfilamente durch das Sternfeld.
Der westliche Gegenpart dieses Supernovaüberrests ist der Hexenbesen-Nebel NGC 6960, zu dem es auf dieser Homepage bereits einen eigenen Beitrag gibt:
Hexenbesen-Nebel NGC 6960
Ein Blick in die Geschichte
Der Schleiernebel wurde im Jahr 1784 von William Herschel mit seinem 18-Zoll Reflektor-Teleskop entdeckt. Wegen seiner enormen Ausdehnung am Himmel wurden später verschiedene hellere Abschnitte mit eigenen Katalognummern versehen. NGC 6960 bezeichnet den westlichen Teil beim Stern 52 Cygni, während NGC 6992 und NGC 6995 den östlichen Bogen des Nebels bilden. Burnham schreibt in seinem Celestial Handbook zu NGC 6992 unter anderem: "...looking like a miniature Milky Way in itself in the field."
Lange Zeit war die Natur solcher Nebel nicht vollständig klar. Heute wissen wir, dass der Schleiernebel kein klassischer Sternentstehungsnebel ist, sondern der Überrest einer gewaltigen Supernovaexplosion. Der gesamte Cygnus Loop ist also die expandierende Hülle eines Sterns, der am Ende seines Lebens explodierte.
Der Überrest einer Supernova
Die Supernova, aus der der Schleiernebel entstanden ist, ereignete sich vermutlich vor etwa 5.000 bis 20.000 Jahren. Die Angaben von verschiedenen Quellen varieren sehr stark. Der ursprüngliche Stern war deutlich massereicher als unsere Sonne. Als sein Kern kollabierte, wurde die äußere Hülle mit enormer Geschwindigkeit ins All geschleudert. Diese Stoßwelle breitet sich bis heute aus und trifft dabei auf interstellares Gas in der Umgebung.
Genau diese Wechselwirkung macht den Nebel sichtbar: Die Stoßfront komprimiert, erhitzt und ionisiert das Gas. Wenn die angeregten Atome und Ionen wieder in niedrigere Energiezustände zurückfallen, senden sie Licht in charakteristischen Wellenlängen aus. Dadurch entstehen die feinen, leuchtenden Filamente, die auf dieser Aufnahme besonders eindrucksvoll sichtbar sind.
Warum leuchtet der Nebel rot und blau?
Die Farben in dieser Aufnahme zeigen nicht einfach „Gaswolken in Rot und Blau“, sondern unterschiedliche physikalische Emissionslinien.
Die rötlichen Bereiche stammen vor allem von Wasserstoff, insbesondere der H-alpha-Linie bei 656,3 nm. In vielen Supernovaüberresten trägt auch Schwefel mit den [S II]-Linien im roten Spektralbereich zum Signal bei. Diese Emission zeigt Gas, das durch die Stoßwelle angeregt wurde und danach wieder Licht abstrahlt.
Die blau-türkisen Bereiche werden vor allem durch doppelt ionisierten Sauerstoff, also [O III], geprägt. Diese Emission liegt bei etwa 496 und 501 nm und erscheint in astronomischen Aufnahmen oft blaugrün bis türkis. [O III] ist besonders typisch für heiße, stark angeregte Gasbereiche und markiert oft Zonen, in denen die Stoßwelle mit hoher Energie durch das interstellare Medium läuft.
Gerade die Mischung aus rotem H-alpha und blaugrünem [O III] macht NGC 6992 visuell so reizvoll. Sie zeigt nicht nur eine schöne Farbstruktur, sondern auch unterschiedliche physikalische Bedingungen im expandierenden Supernovaüberrest.
Entfernung und Größe
Der Schleiernebel liegt im Sternbild Schwan in einer Entfernung von ungefähr 2.350 bis 2.400 Lichtjahren. Neuere Gaia-basierte Arbeiten geben für den Cygnus Loop eine Entfernung von etwa 725 bis 735 Parsec an. Der gesamte Supernovaüberrest besitzt einen Durchmesser von ungefähr 120 Lichtjahren und erscheint am Himmel rund 3 Grad groß – also etwa sechsmal so breit wie der Vollmond.
NGC 6992 selbst ist nur ein Ausschnitt dieses riesigen Gebildes. Der östliche Bogen des Schleiernebels erstreckt sich über ungefähr ein Grad am Himmel. Bei einer Entfernung von rund 2.400 Lichtjahren entspricht das einer tatsächlichen Länge von etwa 40 Lichtjahren. Auf dieser Aufnahme sieht man also nur einen Teil der gewaltigen Explosionshülle, die sich seit Jahrtausenden weiter in den Raum ausdehnt.
Ein kosmisches Fossil
NGC 6992 ist damit nicht nur ein schönes Deep-Sky-Objekt, sondern auch ein Blick auf die Nachwirkung eines stellaren Todes. Die feinen Strukturen sind die sichtbare Spur einer Explosion, deren Licht die Erde erreichte, lange bevor es historische Aufzeichnungen darüber gab. Was heute als zarter, farbiger Schleier erscheint, ist in Wirklichkeit eine gigantische Stoßwelle, die noch immer durch das interstellare Gas im Schwan läuft.
Zusammen mit dem Hexenbesen-Nebel NGC 6960 zeigt NGC 6992 die beiden auffälligsten Ränder dieses alten Supernovaüberrests. Beide Objekte gehören zum selben Ereignis – sie sind verschiedene sichtbare Abschnitte einer einzigen, riesigen expandierenden Hülle.
Die Daten:
Lacerta 80/500mm auf Juwei-14
Asi533MC-Pro mit TS Photoline 0.79x Reducer und SV220 Dual-Narrowband Filter
20x180s Lights
Mit Darks und Flats korrigiert
Gestacked mit Sharpcap
Bearbeitet mit Siril und Darktable