
IC 5070 – Der Pelikannebel im Sternbild Schwan
Der Pelikannebel IC 5070 gehört zu den großen Sternentstehungsregionen im Sternbild Schwan. Gemeinsam mit dem benachbarten Nordamerikanebel NGC 7000 bildet er einen ausgedehnten Komplex aus ionisiertem Gas, kalten Molekülwolken und interstellarem Staub.
Seinen Namen verdankt der Nebel seiner charakteristischen Form, die auf lang belichteten Aufnahmen an einen Pelikan erinnert. Besonders auffällig sind dabei die dunklen Staubstrukturen, die sich vor den hell leuchtenden Gaswolken abzeichnen und Kopf, Hals und Körper des „Pelikans“ formen.
Auf meiner Aufnahme fällt besonders das Wechselspiel zwischen den hellen Emissionsfronten und den davorliegenden dunklen Staubstrukturen auf. Gerade im Bereich von Kopf und Hals wird sichtbar, wie stark die leuchtende H-II-Region durch dichteres Material gegliedert wird.
Der Pelikan und sein großer Nachbar
IC 5070 liegt unmittelbar neben dem wesentlich bekannteren Nordamerikanebel NGC 7000. Optisch wirken beide wie getrennte Objekte, tatsächlich gehören sie jedoch zur selben großen H-II-Region W80. Zwischen den beiden Nebeln liegt die ausgedehnte Dunkelwolke L935. Ihr Staub absorbiert einen Teil des sichtbaren Lichts des dahinterliegenden ionisierten Gases und erzeugt dadurch die auffällige dunkle Trennung zwischen Nordamerika- und Pelikannebel.
Auch viele der dunklen Bereiche innerhalb des Pelikannebels sind daher keine leeren Stellen. Dort befinden sich dichte Wolken aus Gas und Staub, die vor den helleren Emissionsgebieten liegen und das Licht im sichtbaren Bereich abschwächen.
Die Entfernung des gesamten Komplexes wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich bestimmt. Häufig findet man ältere Angaben von rund 2.000 Lichtjahren, während neuere Untersuchungen teilweise etwas größere Entfernungen ergeben. Unabhängig vom exakten Wert zählt die Region zu den vergleichsweise nahen großen Sternentstehungsgebieten unserer Milchstraße.
Was auf meiner Aufnahme zu sehen ist
Besonders auffällig sind die dunklen Strukturen, die sich vor dem rötlich leuchtenden Emissionsnebel abzeichnen. Teilweise bilden sie schmale Filamente, an anderen Stellen größere und kompaktere Wolken. Sehr deutlich zeigt sich außerdem die helle gebogene Front im Bereich von Kopf und Hals des Pelikans. Dort treffen die energiereiche Strahlung junger Sterne und das bereits ionisierte Gas auf dichtere Bereiche der Molekülwolke. Dadurch entsteht ein starker Kontrast zwischen hellen Emissionskanten und dunklerem Material. Gerade diese Übergangszonen sind physikalisch interessant, weil dort die Umgebung durch Strahlung und Sternwinde verändert wird.
Mit 80 Millimetern Öffnung lassen sich die kleinsten Strukturen dieser Region natürlich nicht auflösen. Im größeren Zusammenhang ist dafür sehr gut erkennbar, wie stark der gesamte Nebel von den vorgelagerten Staubwolken gegliedert wird.
Warum leuchtet IC 5070?
Der Pelikannebel ist eine H-II-Region. Energiereiche ultraviolette Strahlung heißer und massereicher Sterne ionisiert den Wasserstoff in ihrer Umgebung. Dabei werden Elektronen aus den Wasserstoffatomen herausgelöst. Rekombinieren freie Elektronen später wieder mit Protonen, gelangen sie zunächst in angeregte Zustände und wechseln anschließend schrittweise auf niedrigere Energieniveaus. Beim Übergang vom dritten auf das zweite Energieniveau entsteht die charakteristische Hα-Strahlung bei einer Wellenlänge von 656,3 Nanometern. Diese tiefrote Emissionslinie dominiert auch meine Aufnahme.
Der verwendete SVBONY SV220 Dual-Narrowband-Filter lässt vor allem die Emissionsbereiche um Hα sowie O III passieren und unterdrückt einen großen Teil des übrigen Lichts. Dadurch treten die leuchtenden Gasregionen trotz aufgehelltem Himmel deutlich hervor, während sich die davorliegenden Staubstrukturen besonders kontrastreich abzeichnen.
Sternentstehung an den Grenzen der Wolken
Die Strahlung der jungen Sterne bringt das Gas nicht nur zum Leuchten. Gemeinsam mit starken Sternwinden verändert sie auch die umliegenden Molekülwolken. An den Grenzflächen entstehen sogenannte Ionisationsfronten. Das Material der Wolken wird dort aufgeheizt und nach und nach abgetragen. Gleichzeitig kann Gas in angrenzenden Bereichen verdichtet werden.
Der Pelikannebel zeigt damit verschiedene Entwicklungsstadien einer Sternentstehungsregion gleichzeitig. Bereits entstandene heiße Sterne verändern ihre Umgebung, während sich innerhalb dichter Gas- und Staubwolken weiterhin neue Sterne bilden können. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Bereich des sogenannten Pelikanhalses.
Herbig-Haro-Objekte im Pelikannebel
In den dichten Wolken des Pelikannebels befinden sich zahlreiche junge stellare Objekte. Einige davon erzeugen stark gebündelte Materiestrahlen, sogenannte Jets. Treffen diese Jets auf das umgebende Gas, entstehen Stoßfronten, die als Herbig-Haro-Objekte sichtbar werden können. Zu den bekannten Beispielen in dieser Region gehören HH 555 sowie HH 563, HH 564 und HH 565.
HH 555 ist dabei besonders interessant. Der bipolare Jet tritt aus der Spitze einer dunklen, rüsselartigen Wolke hervor. Beobachtungen zeigen außerdem, dass die beiden Teile des Jets abgelenkt werden. Das macht sichtbar, wie stark die Umgebung innerhalb der H-II-Region auf solche jungen Sternsysteme einwirken kann. Diese feinen Jets kann ich in meiner Weitfeldaufnahme mit dem 80-mm-Refraktor nicht eindeutig auflösen. Die wesentlich größeren Strukturen, in denen diese Prozesse stattfinden, sind dagegen gut sichtbar.
Mehr als nur die Form eines Pelikans
Gerade beim Pelikannebel finde ich interessant, wie stark sich der Eindruck verändert, sobald man nicht mehr nur versucht, die namensgebende Form zu erkennen. Dann wird aus dem „Pelikan“ eine Landschaft aus ionisiertem Wasserstoff, dunklen Molekülwolken, Sternentstehungsgebieten und von Strahlung geformten Grenzflächen.
Auf meiner Aufnahme sind es deshalb weniger die Umrisse des Vogels als die vielen Übergänge zwischen hellen und dunklen Bereichen, die für mich den Reiz von IC 5070 ausmachen. Sie zeigen, dass diese Region nicht statisch ist. Junge Sterne verändern das Material, aus dem sie selbst entstanden sind, und formen damit über astronomische Zeiträume das Erscheinungsbild des gesamten Nebelkomplexes.
Die Daten:
Lacerta 80/500mm auf Juwei-14
Asi533MC-Pro mit TS Photoline 0.79x Reducer und SV220 Dual-Narrowband Filter
37x180s Lights
Mit Darks und Flats korrigiert
Gestacked mit Sharpcap
Bearbeitet mit Siril und Darktable