
Milchstraße rund um Sagitta
Diese Aufnahme zeigt einen großen Ausschnitt der Sommermilchstraße in der Region zwischen Füchslein (Vulpecula), Pfeil (Sagitta), Delphin (Delphinus) und den südlicher anschließenden Milchstraßenfeldern. Auf den ersten Blick wirkt das Bild wie ein dichter Sternteppich, bei genauerem Hinsehen erkennt man aber eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Objektklassen: planetarische Nebel, Kugelsternhaufen, offene Sternhaufen, Reflexionsnebel, Sternassoziationen und auffällige Dunkelwolken.

Gerade diese Mischung macht die Region besonders spannend. Helle Sternfelder der Milchstraße wechseln sich mit dunklen Staubstrukturen ab, die das Licht der dahinterliegenden Sterne verschlucken. Gleichzeitig liegen in diesem Feld mehrere bekannte Deep-Sky-Objekte, die auch visuell oder mit kleineren Teleskopen gut erreichbar sind.
M27 – der Hantelnebel
Eines der bekanntesten Objekte im Bild ist M27, der Hantelnebel im Sternbild Füchslein. M27 ist ein planetarischer Nebel: Die sichtbare Gashülle wurde von einem sterbenden Stern abgestoßen, dessen heißer Zentralstern das Gas heute zum Leuchten anregt. Der Nebel ist besonders hell und zählt deshalb zu den beliebtesten planetarischen Nebeln für visuelle Beobachtung und Astrofotografie. Messier 27 wurde 1764 von Charles Messier entdeckt und gilt heute als der erste entdeckte planetarische Nebel.
Auf einer Weitfeldaufnahme erscheint M27 nur als kleines, leicht grünlich-bläuliches Fleckchen im Sternenmeer. Das ist ein schöner Größenkontrast: Im Teleskop zeigt der Hantelnebel bereits deutliche Struktur, in diesem großen Feld ist er aber nur ein kleiner Hinweis auf die Vielfalt der Objekte in der Milchstraße.
M71 im Pfeil
Etwas südlich davon liegt M71 im Sternbild Sagitta, dem Pfeil. M71 ist ein Kugelsternhaufen, wirkt aber deutlich lockerer und weniger stark konzentriert als klassische Kugelsternhaufen wie M13 oder M92. Genau deshalb wurde seine Natur lange diskutiert; historisch wurde er zeitweise eher wie ein dichter offener Sternhaufen behandelt. Heute wird M71 als Kugelsternhaufen eingeordnet. Er liegt in einem sehr sternreichen Milchstraßenfeld, wodurch er auf Übersichtsaufnahmen nicht so stark hervorsticht wie isoliertere Kugelsternhaufen.
Gerade in dieser Aufnahme passt M71 sehr gut zum Charakter des Feldes: Er ist kein dominantes Einzelobjekt, sondern eine kompakte Verdichtung innerhalb eines ohnehin extrem sternreichen Hintergrundes.
Vulpecula OB1, NGC 6823 und die Sternentstehungsregion um NGC 6820
Im oberen Bildbereich ist NGC 6823 markiert. Dieser junge offene Sternhaufen liegt in der Vulpecula-OB1-Assoziation, einer Region mit jungen, heißen und massereichen Sternen. NGC 6823 befindet sich in der hellen H-II-Region Sharpless 86 / Sh2-86 und ist mit der Nebelregion NGC 6820 verbunden, die auf tieferen H-alpha-Aufnahmen deutlich besser hervortritt. Wissenschaftliche Arbeiten beschreiben NGC 6823 als jungen offenen Sternhaufen im Bereich der Vulpecula-OB1-Assoziation in etwa 2 kpc Entfernung, also grob rund 6.500 Lichtjahren. Dort wurden junge stellare Objekte und Hinweise auf aktive Sternentstehung untersucht.
Die Vulpecula-OB1-Assoziation ist damit einer der astrophysikalisch wichtigsten Bereiche dieser Aufnahme. Eine OB-Assoziation ist kein kompakter Sternhaufen, sondern eine weiträumige Gruppe junger, massereicher O- und B-Sterne. Diese Sterne leben astronomisch gesehen nur kurz, beeinflussen ihre Umgebung aber stark: durch ultraviolette Strahlung, Sternwinde und die Aufheizung beziehungsweise Ionisation des interstellaren Gases. Für die Struktur der Gas- und Staubwolken in dieser Region sind solche massereichen Sterne entscheidend. Untersuchungen der Vulpecula-OB-Assoziation beschreiben ein großes Sternentstehungsgebiet mit jungen stellaren Objekten und molekularen Wolkenstrukturen.
Der Vulpecula Rift – dunkle Staubwolken vor der Milchstraße
Ein wichtiger Bestandteil dieser Bildregion ist der Vulpecula Rift. Damit ist keine echte Lücke in der Milchstraße gemeint, sondern ein ausgedehntes Band aus interstellarem Staub und molekularem Gas, das das Licht der dahinterliegenden Sterne abschwächt oder vollständig blockiert. Auf der Aufnahme erkennt man diese Struktur als dunklere, bräunlich erscheinende Zonen, die sich vor den hellen Sternfeldern der Milchstraße abzeichnen.
Der Vulpecula Rift gehört zur großen Kette dunkler Staubwolken, die als Great Rift oder Dunkler Riss der Milchstraße bekannt ist. Diese Staubwolken verlaufen entlang der hellen Sommermilchstraße und lassen sie visuell stellenweise wie zweigeteilt erscheinen. Gerade im Bereich von Füchslein, Pfeil und Adler wird deutlich, dass diese Dunkelstrukturen nicht nur den Hintergrund verdecken, sondern auch Teil der interstellaren Materie sind, aus der neue Sterne entstehen können.
Die markierten Barnard-Dunkelnebel im unteren und rechten Bildbereich gehören zum angrenzenden Aquila-/Vulpecula-Bereich des Great Rift und sind besonders auffällige Verdichtungen innerhalb dieser staubreichen Landschaft.
Offene Sternhaufen im Füchslein
Neben NGC 6823 sind mehrere weitere offene Sternhaufen markiert. NGC 6885 liegt ebenfalls im Sternbild Füchslein und ist ein eher lockerer offener Sternhaufen. Solche Objekte sind auf Weitfeldaufnahmen oft schwierig eindeutig vom Sternhintergrund abzugrenzen, weil das gesamte Feld bereits dicht mit Sternen gefüllt ist.
NGC 6830 ist ein weiterer offener Sternhaufen im Füchslein. Er ist kompakter als manche der sehr lockeren Haufen in dieser Region und hebt sich dadurch besser vom Hintergrund ab. Interessant ist NGC 6830 auch spektroskopisch: In einer Untersuchung wurden H-alpha-Emitter und Be-Sterne im Bereich des Haufens beschrieben.
Auch NGC 6800, NGC 6793 und Stock 1 gehören zu den markierten offenen Sternhaufen beziehungsweise lockeren Sternansammlungen in diesem Bereich. NGC 6800 und NGC 6793 liegen beide im Sternbild Vulpecula; für NGC 6793 gibt es moderne Gaia-DR3-basierte Untersuchungen, die den Haufen als mittelalten offenen Sternhaufen mit einer klar bestimmbaren Sternpopulation behandeln.
Cr 399 – der Kleiderbügel
Besonders auffällig ist Cr 399, auch bekannt als Brocchi’s Cluster oder der Kleiderbügel. Dieses Objekt ist eines der schönsten Fernglasobjekte der Sommermilchstraße. Die helleren Sterne bilden eine markante Form, die tatsächlich an einen Kleiderbügel erinnert. Interessant ist, dass Cr 399 heute nicht mehr als echter physikalisch gebundener offener Sternhaufen gilt, sondern als Asterismus: Die Sterne stehen aus unserer Sicht zufällig so, dass sie eine auffällige Figur bilden, sind aber nicht alle Teil eines gemeinsamen Sternhaufens.
Direkt daneben liegt NGC 6802, ein kleiner, deutlich kompakterer offener Sternhaufen. Während Cr 399 wegen seiner Form sofort auffällt, ist NGC 6802 viel unauffälliger und erscheint eher als feine Verdichtung am Rand des Kleiderbügels. Genau dieser Kontrast ist reizvoll: ein scheinbarer Sternhaufen als auffälliger Asterismus neben einem echten, aber viel schwächeren offenen Sternhaufen.
vdB 126 – ein schwacher Reflexionsnebel
Im oberen Bereich der Aufnahme ist vdB 126 markiert. Dieses Objekt gehört zum van-den-Bergh-Katalog der Reflexionsnebel. Reflexionsnebel leuchten nicht primär durch eigenes Emissionslicht, sondern durch das Licht naher Sterne, das an Staubpartikeln gestreut wird. Dadurch wirken sie auf Farbaufnahmen oft bläulich oder grau-bläulich, je nach Aufnahme, Bearbeitung und Hintergrundfeld.
vdB 126 liegt im Sternbild Vulpecula und ist mit dunklen Staubstrukturen in einem sehr reichen Sternfeld verbunden. Er ist damit ein gutes Beispiel dafür, dass Staub nicht nur Licht blockieren kann, sondern unter passenden Bedingungen auch sichtbar wird, wenn er von nahegelegenen Sternen angestrahlt wird.
Barnard-Dunkelnebel: B142, B143, B340 und die B334/B336/B337-Gruppe
Im unteren und rechten Bildbereich sind mehrere Dunkelnebel aus dem Barnard-Katalog markiert. Besonders auffällig sind B142 und B143, die zusammen als Barnards E bekannt sind. Diese beiden Dunkelwolken liegen vor dem hellen Sternhintergrund der Milchstraße und bilden eine markante dunkle Struktur, die auf tiefen Weitfeldaufnahmen deutlich hervortritt. Barnards E wird üblicherweise dem Sternbild Adler zugeordnet und ist etwa vollmondgroß am Himmel.
Ebenfalls markiert sind B340 sowie die Gruppe B334/B336/B337. Diese Objekte sind keine leuchtenden Nebel, sondern dunkle Molekül- und Staubwolken. Sie erscheinen deshalb nicht hell, sondern als sternärmere oder fast schwarze Bereiche vor dem Hintergrund der Milchstraße. Solche Dunkelnebel sind besonders eindrucksvoll in Weitfeldaufnahmen, weil sie die Struktur der Milchstraße nicht durch eigenes Licht zeigen, sondern durch das Fehlen von Licht.
Gerade die Barnard-Objekte machen diese Aufnahme sehr plastisch. Man sieht nicht nur Sterne, sondern auch die Materie zwischen den Sternen: Staub und Gas, das Licht absorbiert, Sternentstehung vorbereitet oder bereits Teil größerer Molekülwolkenkomplexe ist.
Ein Sternfeld als Himmelskarte
Diese Aufnahme ist weniger ein klassisches Porträt eines einzelnen Deep-Sky-Objekts, sondern eher eine Himmelskarte der Sommermilchstraße. M27, M71, Cr 399, NGC 6802, NGC 6823, vdB 126 und die Barnard-Dunkelnebel zeigen gemeinsam, wie vielfältig ein scheinbar „einfaches“ Milchstraßenfeld sein kann.
In einem einzigen Bild treffen sehr unterschiedliche Entwicklungsstadien des Kosmos aufeinander: sterbende Sterne wie bei M27, alte Sternsysteme wie M71, junge Sternhaufen und Sternentstehungsgebiete in Vulpecula OB1, lockere Sternansammlungen im Füchslein und dunkle Staubwolken im Vordergrund. Gerade dadurch wird die Aufnahme spannend: Sie zeigt nicht nur schöne Objekte, sondern einen ganzen Ausschnitt galaktischer Struktur.
Auf jeden Fall war es sehr interessant, die Strukturen in diesem Feld zu analysieren und die Deep-Sky-Objekte zu lokalisieren. Dazu habe ich einerseits SkySafari verwendet; andererseits habe ich wieder gemerkt, wie hilfreich gerade bei solchen Übersichtsaufnahmen ein Papieratlas sein kann. In diesem Fall kam der Interstellarum Deep Sky Atlas zum Einsatz.
Entstanden ist das Bild bei einem Astroausflug mit meinem Vater auf der Rax mit folgendemEquipment:
D5300 nicht astromodifiziert
Nikkor 50mm f/1.8
Star Adventurer
Nachbearbeitet mit Registax, Siril, DarkTable und Gimp