
Schwan und Umgebung
Entstanden ist die Aufnahme auf der RAX auf ca. 1600m Seehöhe.
Alle Dunkelnebel sind gelb markiert (Barnard Katalog) und alle Deepsky Objekte sind grau gekennzeichnet.

Ein Weitfeld durch die Sommermilchstraße im Schwan
Diese Aufnahme zeigt keinen einzelnen Deep-Sky-Klassiker, sondern einen ganzen Ausschnitt der Sommermilchstraße im Sternbild Schwan und im Übergang zur Eidechse. Das Feld ist extrem reich an Sternen, offenen Sternhaufen, Emissionsnebeln, Reflexionsnebeln und Dunkelwolken. Gerade diese Mischung macht den Reiz der Aufnahme aus: Man blickt nicht nur auf hübsche Einzelobjekte, sondern auf eine große interstellare Landschaft aus Gas, Staub und jungen Sternpopulationen.
Die hellen, rötlich erscheinenden Nebelbereiche bestehen überwiegend aus ionisiertem Wasserstoffgas. Sie leuchten, weil energiereiche Strahlung heißer junger Sterne das Gas anregt. Die dunklen Strukturen sind dagegen Staub- und Molekülwolken, die das Licht der dahinterliegenden Milchstraße abschwächen oder ganz verdecken. Viele dieser Dunkelwolken sind im Barnard-Katalog verzeichnet und erscheinen auf der Aufnahme als dunkle, sternärmere Inseln vor dem dichten Sternhintergrund.
Nordamerika-, Pelikan- und umgebende Nebelregion
Der bekannteste Bereich im Bild ist NGC 7000, der Nordamerikanebel. Seine Form erinnert auf Weitfeldaufnahmen an den nordamerikanischen Kontinent. Direkt daneben liegt IC 5070, der Pelikannebel. Beide Objekte gehören nicht nur scheinbar zusammen, sondern sind Teile eines gemeinsamen Sternentstehungskomplexes. Moderne Untersuchungen mit Gaia-Daten ordnen den Nordamerika-/Pelikan-Komplex in eine Entfernung von rund 800 Parsec, also etwa 2.600 Lichtjahren, ein. In diesem Gebiet wurden mehrere junge Sterngruppen identifiziert, deren Bewegung und Verteilung Hinweise auf die Entstehungsgeschichte der Molekülwolke geben.
Südlich und östlich davon ist IC 5068 markiert. Dieser Nebelbereich gehört zur weiteren Umgebung des Nordamerika-/Pelikan-Komplexes und ist auf tief belichteten Aufnahmen als großflächiger H-alpha-Bogen sichtbar. In solchen Weitfeldaufnahmen wird besonders deutlich, dass NGC 7000, IC 5070 und IC 5068 keine isolierten Nebelinseln sind, sondern helle Teilstrukturen einer wesentlich ausgedehnteren Gaslandschaft.
Ebenfalls im Bild befindet sich Sh2-119, eine großflächige, eher diffuse H-II-Region im Schwan. Sie ist deutlich schwächer und flächiger als NGC 7000 und IC 5070, fügt sich aber in dieselbe Art von Landschaft ein: ionisiertes Gas, eingebettet in ein sternreiches Milchstraßenfeld. Sh2-112 ist ein weiterer markierter Emissionsnebel. Diese Region wird von heißen massereichen Sternen ionisiert und ist ebenfalls ein Gebiet aktiver Sternentstehung; Untersuchungen beschreiben dort junge stellare Objekte und die Wechselwirkung der ionisierenden Strahlung mit dem umgebenden molekularen Gas.
Der Kokonnebel und Barnard 168
Links unten ist IC 5146, der Kokonnebel, markiert. Er ist eine Kombination aus Emissionsnebel, Reflexionsnebel, Dunkelnebel und jungem Sternhaufen. Besonders auffällig ist die zugehörige dunkle Staubspur B168. Diese lange Dunkelwolke wirkt wie ein dunkler Schweif, der vom Kokonnebel wegführt. Sie ist nicht leerer Raum, sondern eine dichte Staub- und Molekülwolke, die das Licht der dahinterliegenden Sterne blockiert. IC 5146 und B168 sind deshalb ein schönes Beispiel dafür, wie Sternentstehung und interstellarer Staub direkt nebeneinander sichtbar werden.
Neben B168 sind viele weitere Barnard-Dunkelnebel im Feld markiert: B164, B36, B63, B155, B158/159, B361, B356, B352, B353, B358 und B348. Diese Objekte sind keine leuchtenden Nebel, sondern Staubstrukturen vor dem Hintergrund der Milchstraße. Manche erscheinen rundlich und kompakt, andere länglich oder filamentartig. Gerade in einem so sternreichen Gebiet fallen sie durch den lokalen Sternmangel auf. Die Barnard-Objekte im Schwan gehören zu den visuell und fotografisch interessantesten Dunkelnebeln der nördlichen Sommermilchstraße.
Offene Sternhaufen im Sternenmeer
Das Bild enthält eine ganze Reihe offener Sternhaufen. Der auffälligste davon ist M39, auch NGC 7092. M39 ist ein großer, lockerer offener Sternhaufen im Schwan und wirkt auf Weitfeldaufnahmen nicht als kompakter Knoten, sondern eher als lockere Ansammlung hellerer Sterne vor der dichten Milchstraße. In seiner Umgebung liegen weitere markierte Haufen wie NGC 7086, NGC 7058, NGC 7067, NGC 7071, NGC 7082, NGC 7062 und NGC 7093. Einige davon sind echte offene Sternhaufen, andere werden in Katalogen teils als sehr lockere Sternansammlungen oder Asterismen geführt. Gerade das macht diese Region schwierig, aber auch spannend: Im dichten Sternfeld des Schwans ist die Abgrenzung eines Sternhaufens vom Hintergrund nicht immer eindeutig.
NGC 7031 und NGC 7086 sind ein interessantes Paar im weiteren Sinn, weil sie am Himmel relativ nahe beieinander liegen und auch wissenschaftlich als mögliches Sternhaufenpaar untersucht wurden. Die vorliegenden Untersuchungen sprechen jedoch eher dagegen, dass beide aus derselben Molekülwolke entstanden sind. Es handelt sich also vermutlich um eine scheinbare Nachbarschaft in der Blickrichtung, nicht um ein echtes physikalisches Doppelcluster.
Weitere markierte Sternhaufen sind NGC 7039, IC 1369 und NGC 7044. IC 1369 steht nahe bei Barnard 361 und zeigt schön, wie helle Sternansammlungen und dunkle Staubwolken im Schwan oft unmittelbar nebeneinander liegen. NGC 7044 ist ein deutlich schwächerer, kompakterer offener Sternhaufen, der im dichten Milchstraßenfeld leicht untergeht und erst in der Markierung richtig auffällt.
Im Bereich des Nordamerikanebels sind außerdem NGC 6989, NGC 6991 und NGC 6997 markiert. Diese Sternhaufen beziehungsweise Sternansammlungen liegen projiziert in oder nahe der Nebelregion. Besonders NGC 6997 erscheint optisch innerhalb des Nordamerikanebels. Solche Überlagerungen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren: Nicht jedes Objekt, das auf dem Bild in einem Nebel liegt, muss physikalisch tatsächlich Teil desselben Nebels sein.
Am linken unteren Rand ist NGC 7209 zu sehen. Dieser offene Sternhaufen gehört bereits zum Sternbild Eidechse und liegt am Rand dieses Weitfeldes. Er zeigt, wie groß der abgebildete Himmelsausschnitt tatsächlich ist: Das Bild verbindet mehrere klassische Regionen der nördlichen Milchstraße miteinander.
Sadr-Region, IC 1318 und Cygnus OB2
Rechts oben beginnt die Region um IC 1318, auch als Gamma-Cygni- oder Sadr-Region bekannt. In der Markierung sind IC 1318 und IC 1318A zu sehen. Diese Nebelregionen gehören zu den eindrucksvollsten H-alpha-Gebieten im Schwan. Sie liegen in einem extrem komplexen Feld aus Emissionsnebeln, Dunkelwolken, jungen Sternen und offenen Sternhaufen.
In derselben Bildregion sind NGC 6910 und Cr 421 markiert. NGC 6910 ist ein junger offener Sternhaufen nahe der Sadr-Region. Solche jungen Haufen sind wichtige Hinweise auf die aktuelle oder jüngere Sternentstehung in der Umgebung. Die vielen heißen, massereichen Sterne in dieser Himmelsgegend prägen die Gaslandschaft durch ultraviolette Strahlung, Sternwinde und wahrscheinlich auch durch frühere Supernovaereignisse.
Besonders bedeutend ist die Cygnus-OB2-Sternassoziation. Sie ist kein kompakter Sternhaufen wie M39, sondern eine ausgedehnte Gruppe sehr junger, massereicher O- und B-Sterne. Cygnus OB2 gehört zu den massereichsten bekannten Sternassoziationen unserer Milchstraße. Eine moderne Zusammenstellung der massereichen Mitglieder nennt 169 primäre OB-Sterne, darunter 52 O-Sterne und 3 Wolf-Rayet-Sterne; die Gesamtmasse wird in dieser Arbeit mit etwa 16.500 Sonnenmassen angegeben. Die Sternentstehung in Cygnus OB2 fand demnach über mehrere Millionen Jahre statt.
Die im Bild markierten Bica 1/2 liegen im Bereich dieser Cygnus-OB2-Struktur. Bica 1 und Bica 2 werden als offene Sternhaufen beziehungsweise Sternhaufenkandidaten im Kernbereich von Cygnus OB2 diskutiert. Sie sind daher ein wichtiger Hinweis darauf, dass Cygnus OB2 nicht einfach ein gleichmäßig verteilter Sternverband ist, sondern Unterstrukturen und lokale Verdichtungen enthält.
Reflexionsnebel vdB 131 und vdB 132
Ebenfalls rechts oben sind vdB 131/132 markiert. Diese Objekte gehören zum van-den-Bergh-Katalog der Reflexionsnebel. Reflexionsnebel leuchten nicht primär durch eigenes Emissionslicht, sondern durch Sternlicht, das an Staubpartikeln gestreut wird. Auf Farbaufnahmen erscheinen solche Nebel oft bläulich, weil kurzwelligeres Licht stärker gestreut wird. vdB 131 und vdB 132 liegen im Umfeld des NGC-6914-Komplexes und bilden einen schönen Kontrast zu den roten H-alpha-Emissionsnebeln der Umgebung.
Was diese Aufnahme besonders macht
Diese Aufnahme lebt nicht von einem einzigen dominanten Objekt, sondern von der Summe vieler Strukturen. Sie zeigt die Milchstraße als aktiven, geschichteten Raum: nahe und fern stehende Sternhaufen, dunkle Staubwolken im Vordergrund, leuchtende Wasserstoffnebel, Reflexionsnebel und ausgedehnte Sternassoziationen überlagern sich in einer einzigen Blickrichtung.
Gerade dadurch wird deutlich, wie komplex der Schwan ist. Hinter scheinbar bekannten Namen wie Nordamerikanebel, Pelikannebel oder Sadr-Region steckt kein einzelnes Objekt, sondern ein großräumiger Zusammenhang aus Sternentstehung, Staub, Gas und jungen massereichen Sternen. Die vielen markierten NGC-, IC-, Barnard-, Sharpless-, Collinder-, Bica- und vdB-Objekte machen diese Aufnahme zu einer Art Himmelskarte der nördlichen Sommermilchstraße.
Die Daten:
Nikon D5300 mit Tamron 70/200mm
Star Adventurer
30x2min Belichtung
Korrektur mit Bias, Darks und Flats
Gestacked mit DSS bearbeitet mit DarkTable und Gimp